{"id":289,"date":"2014-08-23T20:44:51","date_gmt":"2014-08-23T20:44:51","guid":{"rendered":"http:\/\/new.muenchenvenedig.de\/?p=289"},"modified":"2014-08-23T20:45:04","modified_gmt":"2014-08-23T20:45:04","slug":"klettersteigmaterial-gestern-und-heute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/new.muenchenvenedig.de\/?p=289","title":{"rendered":"Klettersteigmaterial gestern und heute"},"content":{"rendered":"<p>Braucht man f\u00fcr die Schiara eine Klettersteigset? Und f\u00fcr die anderen Passagen am Traumpfad, was braucht man da?<\/p>\n<p>Seitdem ich zum Traumpfad schreibe, also ungef\u00e4hr seit dem Jahr 2000, wird mir diese Frage gestellt und ich habe sie auf dieser Webseite und in allen Auflagen aller unserer B\u00fccher immer gleich beantwortet. Interessanterweise f\u00e4ngt aber dennoch jede Generation der Traumpfadgeher erneut an, dar\u00fcber zu philosophieren.<\/p>\n<p>Mich regt das an \u00fcber meine eigene alpine Historie nachzudenken und \u00fcber die Risiken des Bergsteigens. Vielleicht helfen diese Gedanken ja dem einen oder anderen bei der Entscheidung \u00fcber die richtige Sicherung.<\/p>\n<p>Stufe 1: Als ich ein Kind war \u2013 wir reden von den 70er Jahren \u2013 hatte mein Papa immer eine Rebschnur und ich glaube auch einen Karabiner dabei. In Klettersteigen konnte man die 10m Rebschnur zu einem improvisierten Gurt binden und sich mit dem Karabiner eventuell zur Entlastung in ein Drahtseil einh\u00e4ngen. Zum Einsatz gekommen ist dieses Ding selten oder nie. Diese Art von L\u00f6sung wurde damals aber als brauchbare und vern\u00fcnftige Sicherung gesehen.<\/p>\n<p>Stufe 2: Sp\u00e4ter in den fr\u00fchen 80ern, als ich einen Klettersteigkurs beim Alpenverein gemacht habe waren Brustgurt kombiniert mit Sitzgurt und statische Einbindung eines 11mm Seilst\u00fccks plus zwei Klettersteigkarabiner die Standardl\u00f6sung. Die Sitzgurte waren etwas breitere B\u00e4nder ohne Polsterung und ohne H\u00fcftgurt. Ein Helm wurde als n\u00fctzlich betrachtet.<\/p>\n<p>Stufe 3: einige Jahre sp\u00e4ter, etwa Ende der 80er oder Anfang der 90er waren die statische Einbindung und der lumpige Sitzgurt auch Geschichte: Klettersteigset mit Seilbremse (wer kennt die Teile noch?) und H\u00fcftgurte mit Schlie\u00dfe waren Minimalstandard, die Karabiner hatten ein Verschlu\u00dfsystem und waren nicht mehr offen wie die alten.<\/p>\n<p>Stufe 4: schlie\u00dflich kamen die integralen Klettersteigsets dazu, inklusive bessere Gurte und besserer Karabiner. Das ist mit mehreren Entwicklungsstufen der Standard von heute.<\/p>\n<p>OK, war hat der Ausflug in die Geschichte nun mit der Schiara zu tun?<\/p>\n<p>In jeder dieser Stufen haben Bergsteiger versucht, sich gegen bestimmte Risiken zu sch\u00fctzen und haben andere mehr oder weniger sehenden Auges in Kauf genommen. Um es vorweg zu sagen: das Risiko von dem wir im Klettersteig sprechen ist der Tod oder schwere Verletzung. Wer in einem Klettersteig wie der Schiara sagt, dass er (oder sie) ein Absturzrisiko akzeptiert, redet vom t\u00f6dlichen Bergunfall. Ich komme noch darauf zur\u00fcck.<\/p>\n<p>In der Stufe 1 hat man sich dagegen gesch\u00fctzt, sich wegen Entkr\u00e4ftung oder anderer St\u00f6rfaktoren nicht mehr halten zu k\u00f6nnen. Man kann sich in eine Seilschlinge f\u00fcr einige Minuten h\u00e4ngen und ausruhen, wenn man noch Zeit findet, sich einzuh\u00e4ngen. Weil man nur einen Karabiner hat, muss man aber immer dann wenn man sich bewegt, zeitweise ungesichert gehen. Ein Ausrutscher oder auch ein kleiner Steinschlag, der einem das Gleichgewicht nimmt, f\u00fchrt zum Absturz mit Todesfolge.<\/p>\n<p>Ein schon damals weit verbreiteter Irrtum war, dass man sich in so eine Konstruktion l\u00e4nger h\u00e4ngen kann. Wer schon einmal H\u00e4ngeversuche in einem einfachen Brustgurt gemacht hat, wei\u00df was ich meine. Nach wenigen Minuten wird die Sache schmerzhaft, die Blutzirkulation wird unterbrochen und entweder gehen die gel\u00e4hmten Arme nach oben und man f\u00e4llt aus dem Gurt oder man stranguliert sich langsam selbst. Ich erinnere mich noch an meine blauen Flecken nach nur kurzem H\u00e4ngen in einem Brustgurt.<\/p>\n<p>Wer also auf der Stufe 1 stehenbleibt hat bei Ausrutscher, Steinschlag, Verletzung mit Bewegungseinschr\u00e4nkung keine \u00dcberlebenschance. Es ist so einfach und so dramatisch.<\/p>\n<p>Stufe 2: der einfache Sitzgurt, Helm und statische Einbindung haben viel geholfen. Ein Ausrutscher bei horizontalen Seilen wird gut abgefangen. Weil man zwei Karabiner hat, kann man sich immer mit einem sichern. Man kann selbst in den einfache Sitzgurten lange sitzend aushalten. Bewegungseinschr\u00e4nkung nach Verletzung f\u00fchrt nicht zu einer kritischen Situation durch strangulieren oder aus dem Gurt fallen. Man kann auf Hilfe warten.<\/p>\n<p>Trotzdem kam es mit dieser Technik zu einer hohen Anzahl t\u00f6dlicher Unf\u00e4lle. Wodurch? In einem vertikalen St\u00fcck des Klettersteigs, bei einer Leiter oder Aufstieg \u00fcber Stifte st\u00fcrzt man beim Ausrutschen bis zur n\u00e4chsten Zwischensicherung. Bei einer Sturzh\u00f6he im freien Fall von zwischen einem und drei Metern, die im Klettersteig realistisch sind, erreicht man Geschwindigkeiten von 10 bis 20 Stundenkilometern, die dann mit einem Ruck abgebremst werden. Im Gegensatz zum Sportklettern ist kein langes dehnbares Seil da, das Energie aufnehmen kann. Die Energie muss von dem knappen Meter Seil, dem Karabiner und dem menschlichen K\u00f6rper aufgenommen werden. Die Fangst\u00f6\u00dfe in so einem Fall werden sehr schnell t\u00f6dlich. Eine zweite Schwachstelle damals war der Bruch der offenen Karabiner in die Querrichtung durch Verkanten und Aufbiegen des Schnappers.<\/p>\n<p>Was hat das mit der Schiara zu tun? Wer noch das Altmaterial von damals hat und meinte es nehmen zu k\u00f6nnen, muss sich klar sein, was er tut. Ein t\u00f6dlicher Fangsto\u00df bei Sturz in den wenigen, aber sehr ausgesetzten vertikalen Passagen f\u00fchrt mit diesem Material zum sicheren Tod.<\/p>\n<p>Stufe 3 \u00fcberspringe ich, es war ein Versuch war das Fangsto\u00dfproblem zu l\u00f6sen, der aber bald zu den modernen Sets weiterentwickelt wurde.<\/p>\n<p>Bei Stufe 4 werden die Fangst\u00f6\u00dfe durch das Set abgefedert. Gute Sets reduzieren die Belastung auf ein normales Sportkletterniveau oder sogar darunter. Also alles gut? Keineswegs! Leichte Bergsteiger, vor allem Kinder oder sehr leichte Frauen, brauchen spezielles Material, denn bei ihnen l\u00f6sen die Sets nicht gut genug aus und die t\u00f6dliche Gefahr von starken Fangst\u00f6\u00dfen ist nach wie vor gegeben. Es gibt aber noch ein weiteres Risiko: St\u00fcrze im Klettersteig f\u00fchren oft zu Verletzungen, weil die Kollision mit der Wand, das Verklemmen am Drahtseil oder Verletzung durch aus der Wand ragende Stahlstifte vorkommen k\u00f6nnen. Insgesamt ist das Risiko also auch bei optimalen Material relativ gro\u00df.<\/p>\n<p>Ich erw\u00e4hne nur kurz noch folgenden Fehler: Klettersteig nur mit H\u00fcftgurt ohne Brustgurt, das hei\u00dft im Kletterhallenstil. T\u00f6dlich, weil beim Sturz der Rucksack eine nach hinten zieht und der Fangsto\u00df selbst bei guter Ausl\u00f6sung des Sets noch stark genug ist, um einen den R\u00fccken zu brechen.<\/p>\n<p>Bewertung der Schiara: der Steig ist lang, stellenweise extrem ausgesetzt und muss im Abstieg bew\u00e4ltigt werden. Er ist technisch nicht extrem schwer. Das Risiko von St\u00fcrzen bei vertikalen Passagen ist durch die Art des Steigs auf wenige Stellen beschr\u00e4nkt und daher \u00fcberschaubar. Bei gutem Wetter ist er mit Set und Helm ein wundervolles Erlebnis.<\/p>\n<p>Unter keinen Umst\u00e4nden w\u00fcrde ich die Schiara ohne Sicherung machen. Wegen der oben beschriebenen Risiken w\u00fcrde ich auch keine der L\u00f6sungen von Stufe 1 bis Stufe 3 als Bastelei oder Altmaterialverwertung f\u00fcr mich einsetzen. Der Steig ist ausgesetzt, die Fallh\u00f6hen sind oft dramatisch hoch und sicher t\u00f6dlich. Der erste Fehler ist dann der letzte.<\/p>\n<p>In einigen Kommentaren und Posts wurden auch andere Passagen des Traumpfads diskutiert. Einige Passagen des Steigs sind drahtseilversichert. Am h\u00e4ufigsten werden die Friesenbergscharte, das Val Setus und der kleine Steig auf die Sella Nivea erw\u00e4hnt. Bei den beiden ersten w\u00fcrde ich pers\u00f6nlich keine Klettersteigausr\u00fcstung einsetzen. Die Steige sind nicht sehr ausgesetzt. Auf der Friesenbergscharte ist die Steinschlaggefahr und damit das Risiko eines Absturz durch Verletzung gering. Im Val Setus kommen Steinschl\u00e4ge h\u00e4ufig vor, weil viele Leute gehen und der Weg eng durch die Rinne f\u00fchrt. Ich w\u00fcrde hier wahrscheinlich meinen Helm aufsetzen, wenn ich ihn sowieso dabei habe. Die Wahrscheinlichkeit eines Sturzes ist gering, weil dazu die Route nicht steil genug ist. Die Sella Nivea ist ein Grenzfall. Ich habe sie ohne schlechtes Gewissen ungesichert in beide Richtungen durchstiegen. Wer sich unsicher ist und keine Ausr\u00fcstung dabei hat, sollte einfach die Umgehung w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Ist das alles \u00dcbertreibung? Panikmache? In einem Buch \u00fcber Risiken in der Natur habe ich erst k\u00fcrzlich den Begriff \u201ckonstruktive Paranoia\u201d gelesen. Er bezeichnet die Angst von Menschen vor sehr selten eintretenden aber schweren Unf\u00e4llen. Der Sturz im Steig ist selten. Vielleicht gehen Hunderte die Schiara jedes Jahr ungesichert und ihnen passiert nichts. Ich stelle mir vor, was w\u00e4re, wenn ich der eine bin, dem etwas passiert. Je mehr Erfahrung man am Berg sammelt umso \u00f6fter hat man erlebt, dass eine harmlose Spa\u00dfbergtour auf einmal ernster wurde als gedacht. Und man hat auch den einen oder anderen schweren Unfall gesehen oder erlebt. Wir k\u00f6nnen nicht alle Risiken des Bergsteigens ausschalten, aber wir haben heute die Technik, Klettersteige sicherer zu begehen als vor 40 Jahren. Wir sollten diese Technik nutzen.<\/p>\n<p>(Original aus www.weitwandern.de, August 2013)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Braucht man f\u00fcr die Schiara eine Klettersteigset? Und f\u00fcr die anderen Passagen am Traumpfad, was braucht man da? Seitdem ich zum Traumpfad schreibe, also ungef\u00e4hr seit dem Jahr 2000, wird mir diese Frage gestellt und ich habe sie auf dieser Webseite und in allen Auflagen aller unserer B\u00fccher immer gleich beantwortet. 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